Kirsten Bruhn ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Athleten im Parasport - umso mehr freuen wir uns, sie im Berliner Sportforum Hohenschönhausen treffen zu können. Ihre Haare sind noch etwas feucht, denn auch wenn Kirsten bereits 2024 ihre aktive Karriere beendet hat, geht sie im Schnitt doch immer noch jeden zweiten Tag schwimmen. Heute dann „nur“ 2000 Meter, aber sie wollte sich dann doch noch vorher auf das Gespräch mit uns einstimmen.
Kirsten ist ein Phänomen: Sie ist 54 Weltrekorde und 64 Europarekorde geschwommen, ist 6-fache Weltmeisterin und 8-fache Europameisterin. Ihre Bestzeiten sind zum Teil bis heute unerreicht, dabei war sie schon über dreißig, als sie sie erschwommen hat. Allerdings: Ein glatter Durchmarsch war ihre Karriere nicht, im Gegenteil.
Denn als sie 1991 im Alter von 21 Jahren durch einen Motorradunfall plötzlich querschnittsgelähmt war, glaubte sie, niemals wieder so schwimmen zu können wie vorher. Denn schon in ihrer Jugend war Kirsten Leistungsschwimmerin, allerdings nie bei internationalen Wettkämpfen dabei. Aber immer mit großer Leidenschaft, schon mit drei Jahren konnte sie schwimmen. Mit der Diagnose allerdings schien dieser Weg endgültig vorbei zu sein. Das war ein ganz tiefes Tal, erzählt uns Kirsten, aus dem sie lange nicht rausgekommen ist und das sie auch in ihrem Buch „Mein Leben - und wie ich es zurückgewann“ sehr eindrucksvoll beschreibt.
Ja, nachdem der erste Schock und vor allem die ganz großen Schmerzen erstmal vorbei waren, entwickelte sie einen großen Ehrgeit, wieder vollständig am Leben teilnehmen zu können, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein. „Das habe ich in meiner Familie so gelernt“, erzählt sie uns, hängen lassen gilt nicht. Aber schwimmen? Elf Jahre dauerte es, bis sie es wieder wagte. Weil ihr ein Reha-Trainer den Tipp und auch ein paar Adressen gegeben hatte. Und schon nach wenigen Monaten des harten Trainings war Kirsten Bruhn Deutsche Meisterin auf 50 Meter Rücken.
„Aber nicht, dass ihr denkt, ja klar, Paraschwimmen, das ist auch nicht sooo schwierig!“ Denken wir nicht. Im Gegenteil - wir sind extrem beeindruckt. Denn Kirsten räumte nicht nur im Rücken- und Kraulschwimmen ab. Sie begann, auch in ihrer alten Paradedisziplin, dem Brustschwimmen, wieder zu trainieren. Was für jemanden mit einer Querschnittslähmung extrem schwierig ist. Denn die Kraft beim Brustschwimmen kommt zu 70-80 Prozent aus den Beinen.
„Ich glaube, da hat mir mein Körpergedächtnis sehr geholfen“, sagt sie. Und ein extremer Wille, vermuten wir. Kirsten hat das Glück im Unglück, nicht vollständig querschnittsgelähmt zu sein. So holte sie bereits 2004 bei den Paralympics Gold - auf 100 Meter Brust. Und so ging es weiter, bis sie - unzählige Medaillen und Rekorde später - ihre Karriere beendete.
Dem Schwimmsport ist sie trotzdem treu geblieben, auch als Mentaltrainerin für junge Athlet:innen. Außerdem ist sie seit 2016 bei den Paralympics als Expertin für die ARD dabei. Sie ist Botschafterin für Rehabilitation, Prävention und Sport beim Unfallkrankenhaus Berlin und seit 2015 ist ein Schwimmbad in ihrer Geburtsstadt Eutin nach ihr benannt. Sie war eine von drei Protagonist:innen in dem Film „Gold - du kannst mehr als du denkst“, der bei der Berlinale 2013 seine Weltpremiere feierte und sie bekam den Bambi für ihre herausragenden Leistungen. Sie hält Vorträge darüber, wie wichtig es ist, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen und wie der Sport einem dabei helfen kann.
Und seit 2026 ist sie Ehrenbürgerin in Schleswig Holstein. Eins ärgert sie trotzdem bis heute: Dass so wenig Schwimmbäder barrierefrei sind. Und selbst, wenn man sie so nennt, sagt sie, seien sie allenfalls barrierearm. Fast nie gebe es ein Leitsystem für Blinde, angemessene Duschen für Rollstuhlfahrer:innen oder die Möglichkeit, dass sich kognitiv eingeschränkte Menschen dort ohne Hilfe bewegen können. Muss man unbedingt endlich mal ändern, findet sie. Finden wir auch.